(Bericht in der HTZ am 18.06.2016)

Paris, Brüssel, Orlando. Immer wieder und immer öfter töten junge Männer im Namen Allahs. Radikalisiert von Hasspredigern - im Netz und in der materiellen Welt. Wie entstehen die Attentäter? Wie hält man den Prozess der Radikalisierung auf? Eine klare Antwort darauf hat wohl niemand. Auch nicht "Jungfrau ohne Paradies" von Gerburg Maria Müller und Alessandra Ehrlich. Doch das mobile Theaterstück ist auf der Suche: Woche für Woche zieht es durchs Land, um gemeinsam mit Schülern Antworten zu finden.

Als Angebot des Vereins "Kommunale Kriminalprävention Rhein-Neckar" des Polizeipräsidiums Mannheim machte das Ensemble in der Zehntscheune Halt, um gemeinsam mit Schülern der Theodor-Heuss-Realschule den Pfad des Hasses zu ergründen.

Alles beginnt ganz harmlos: Die Freunde Cem und Paul sind keine Leuchten in der Schule und entstammen einem sozialen Brennpunkt. Aber sie haben ein Ziel: Rapper werden. Der Erfolg will jedoch nicht so recht einsetzen und nach einem missglückten Konzert verliert Paul die Nerven: "Deso Dogg hat's doch auch geschafft, obwohl er jetzt im Jihad ist! Ich hau ab." Der Berliner Denis Cuspert alias Deso Dogg begann eine Karriere als Gangsta-Rapper und schloss sich 2013 dem Islamischen Staat an. Seit 2015 wird Cuspert auf der Terrorliste der Vereinten Nationen geführt.

Doch bevor Cem Zeit hat, dieses Warnsignal zu registrieren, betritt Pauls Freundin Johanna den Raum. Im Gegensatz zu den beiden stammt Johanna aus gutem Hause, schreibt gute Noten, besucht die Theater-AG. Paul und seinem neuen Glauben zuliebe hat sie ein Kopftuch gekauft und probiert es an. Auch Paul hat eine Überraschung für seine Freundin: einen Ganzkörperschleier. Während Johanna sich umzieht, verfallen Paul und Cem in eine angeregte Debatte. Während Cem den Koran als moralischen Leitfaden betrachtet, der den Menschen zu einem guten und gerechten Leben verhelfen soll, offenbart Paul seine radikale Einstellung zur Religion, frei von Toleranz und Interpretationsspielraum. Für Paul bringt der Islam eine für ihn aus den Fugen geratene Welt in Ordnung und teilt sie in klare Muster ein.

 

"WAS HABE ICH FALSCH GEMACHT?"

Dass er aufhört zu trinken, zu rauchen, sich immer mehr zurückzieht, Predigern lauscht und oft die Moschee besucht, fällt Cem und Johanna zwar auf, doch Cem ist zu beschäftigt und Johanna zu verliebt. Vom islamistischen Verführer Abdel Kadir und den Flugtickets in den Heiligen Krieg erfahren sie erst, als Paul schon im Begriff ist zu gehen.

An dieser Stelle zerbröselt die vierte Wand vollständig: Haben die Figuren seit Beginn des Stücks immer wieder das Publikum angesprochen und Bemerkungen mit einbezogen, sitzt Paul nach einem finalen Streit schweigend auf dem Boden und starrt ins Leere. Er hat mit seinen Freunden gebrochen. Cem und Johanna wenden sich verzweifelt an die Schüler: "Was habe ich falsch gemacht?" Cem macht niemand einen Vorwurf; Johanna hätte sich selbst nicht in Paul verlieren sollen, befinden die Achtklässler: "Du hast dein eigenes Leben und deinen eigenen Verstand - das sollte er akzeptieren."

Den Figuren des Stücks gelingt es, den Schülern auf Augenhöhe zu begegnen; sie sprechen ihre Sprache und Verstehen ihre Welt. So erklärt Cem beispielsweise die Unsinnigkeit des Krieges am East-Coast/West-Coast-Beef, der Ende der 90er im Tod der Rapper Tupac Shakur und The Notorious B.I.G. gipfelte. Bei der Frage nach Gewaltvideos sind die Wortmeldungen zunächst zaghaft, doch nach und nach gehen immer mehr Hände nach oben. Scheinbar ist jeder schon einmal bei Facebook, WhatsApp oder irgendwo anders im Internet auf erschreckendes Bildmaterial gestoßen, hat weinende Kinder und Enthauptungsvideos gesehen.

 

PROTAGONIST STÜRMT DEN RAUM

Was glauben die Schüler können Cem und Johanna tun, um Paul davon abzubringen, zu diesen Leuten in den Krieg zu gehen? Ihn von den islamistischen Predigern entfernen, ihm zeigen, dass es unter denen, die er als "Ungläubige" bezeichnet, auch gute Menschen gibt, ihm den Islam richtig erklären, ihm zeigen, welches Leid Kriege anrichten, ihm ein wahrer Freund sein, ihn ernst nehmen und ihm beistehen. Cem wendet sich wieder an Paul, der noch immer auf dem Boden sitzt, entschuldigt sich und bietet seine volle Unterstützung an. Paul stürmt aus dem Raum. Keine klare Antwort.

Co-Autorin und Regisseurin des Stückes, Gerburg Maria Müller, sagt zum Ende: "Das Thema ist aktueller denn je und muss in die Schulen. Cems letzte Frage ans Publikum ist immer die nach Lösungsvorschlägen - wir haben keinen. Ebenso dient das Stück als eine Art Icebreaker, das Thema im Unterricht zu behandeln." An Aktualität ist das Thema tatsächlich kaum zu überbieten. Und auch nicht an Wirkung, denn den Darstellern Christian Müller (Paul), Levent Özdil (Cem) und Claudia Steiner (Johanna) gelingt es, eine fesselnde Atmosphäre im Raum zu schaffen, die auch nach dem Abgang erst langsam verblasst.

Autor: Sascha Balduf, (c) Hockenheimer Tageszeitung, Samstag, 18.06.2016

 

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